EUSTORY YOUTH ACADEMY, BERLIN/DEUTSCHLAND, 22.-29.8.2009

BERICHT ZUR EUSTORY-AKADEMIE 2009 IN BERLIN

Es ist selbst einen Monat nach der Akademie für mich schwierig, einen sachlichen Bericht über meine Berliner Woche zu schreiben. Die persönlichen Begegnungen mit vielen der 29 anderen Teilnehmer aus 16 Ländern haben noch immer eine derartige Ausstrahlung, dass unsere Aktivitäten und die gemeinsame Arbeit in meiner Erinnerung in den Hintergrund gerückt sind.

Dabei war das Programm des erfahrenen Leiterteams durchaus „erste Sahne“. Einquartiert waren wir in der Nähe des Wannsees in einer grosszügigen ehemaligen Bankiersvilla mit ausladendem Garten. Seit dem zweiten Weltkrieg wird das Anwesen für Jugendarbeit genutzt. Nachdem ich mir zusammen mit einigen anderen zu früh angekommenen bereits am Tag zuvor Berlin angeschaut hatte, arbeiteten wir die ersten zwei Tage in wechselnden Gruppen an verschiedenen kleineren Aufträgen. Wir stellten uns unsere Wettbewerbsarbeiten gegenseitig vor, wir erhielten Einführungen in das Thema „Berliner Mauer“ und in die Techniken der „oral history“, interpretierten Zeitungsartikel, diskutierten Geschichten zur Wende, welche alle Teilnehmer aus ihren Ländern mitgebracht hatten und setzten erste Impressionen in kleine Theaterszenen um. Trotz der hohen Teilnehmerzahl bildete sich schnell eine wunderbar familiäre Atmosphäre.

Am dritten Abend kamen wir in den Genuss eines ersten Höhepunkts: Eines Theaterworkshops mit Pippa, der Schauspielerin im Leiterteam. Das war ein grossartiges Erlebnis. Trotz unserer anfänglichen Skepsis brachte sie es fertig, uns zu „bekehren“. Indem sie uns in verschiedenen Übungen zwang, einen Abend lang völlig offen und frei zu sein, entfachte sie diese immense Gruppendynamik, welche uns hernach bis zum Schluss – und darüber hinaus – begleitete.

Am dritten und vierten Tag besichtigten wir das Zentrum Berlins und führten in Gruppen Interviews mit Leuten durch, welche in der von der Mauer geteilten Bernauerstrasse gelebt hatten. Die Qualität der Interviews war unterschiedlich, doch auf jeden Fall erhielten wir einige sehr interessante Eindrücke. Gleichzeitig war es eine spannende Herausforderung, die Interviewpartner mit guten Fragen auf die persönliche Ebene zu locken sowie die mehrstündigen Befragungen auf Englisch und mit Dolmetscher durchzuführen und aufzuzeichnen.

In den letzten zwei Tagen arbeiteten wir am intensivsten. Ziel war es nun, den während der Woche gesammelten Stoff in ein kreatives Endprodukt umzusetzen. Wir teilten uns in eine Theater- und eine Filmgruppe auf und erarbeiteten vier kleine Szenen an verschiedenen Orten in der Villa, sowie vier Kurzfilme, die wir in die Szenen integrierten. Die Performance fand am letzen Abend statt. Das bescheidene Publikum bestand aus der Filmgruppe, die ihre Arbeit getan hatte, sowie den Leitern. Es war eine weitere tolle Erfahrung mit einem teilweise auch künstlerisch überraschend gelungenen Resultat. Mir hat diese Mischung von historischen und kreativen Elementen während der ganzen Woche sehr gefallen.

Eigentlich hatten wir kaum Freizeit. Dass der männliche Teil der Teilnehmer trotz schönstem Wetter und einem grossen Rasen während der ganzen Woche nur eine Viertelstunde Fussball spielte, sagt alles. Vor dem Einbruch der Nacht hatten wir jeweils keine Zeit, an so etwas auch nur zu denken. Dagegen nahmen wir jede kleinste Gelegenheit für einen Schwatz wahr und kamen uns durch die gemeinsame Arbeit sehr schnell nahe. Abends sassen wir nicht selten bis um Mitternacht zusammen auf der Veranda und anschliessend – um die Nachbarn nicht zu stören – bis um drei Uhr morgens im Kaminsaal. Ich kann mich an kein Schullager erinnern, aus dem ich so müde nach Hause gekommen wäre wie von Berlin. In den beiden letzten Nächten schlief ich insgesamt drei Stunden – und dies trotz der anstrengenden Arbeit durch den Tag. Wir wollten schlicht jede Minute geniessen, die wir miteinander verbringen konnten.

Dieser Austausch mit Leuten aus ganz Europa fand gerade darin seinen Reiz, dass alles auf einer äusserst persönlichen Ebene geschah. Auch wenn ich erstaunlicherweise bei vielen Teilnehmern die Herkunft sofort erraten konnte, hatte man bald nicht mehr in erster Linie Schweizer, Russen, Spanier oder Serben vor sich, sondern einfach Menschen. Nicht dass die Herkunft keine Rolle spielte. Natürlich sprechen historisch interessierte Leute auch über ihre Länder, ihre Geschichte, ihre Kultur usw. Gerade weil das aber intelligente Menschen sind, mit denen man sich face to face darüber unterhält, gewinnt man neue Bilder über deren Heimat. Beispielsweise habe ich in dieser Woche als Kontrast zum in der Schweiz oft ziemlich eindimensionalen Bild vom Balkan diesbezüglich noch eine Reihe ganz anderer Sichtweisen und Eindrücke gewonnen. Selbstverständlich setzt das Offenheit und Neugierde voraus, ohne dass man dabei eine kritische Grundhaltung preisgibt.

Zufall oder nicht, ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass ich in dieser Akademie derart viele Leute auf meiner Wellenlänge treffen würde. Zu vielen habe ich seither Kontakt und mit einigen verbindet mich echte Freundschaft. Eine der Berliner Bekanntschaften habe ich seither schon besucht. Und es wird nicht mein letzter Trip zu Freunden ins Ausland gewesen sein, der als Folge dieser einzigartigen Woche in Berlin zustande kommt!

Ganz herzlichen Dank möchte ich deshalb allen zukommen lassen, die mir dieses Erlebnis in irgendeiner Weise ermöglicht haben: Meiner Betreuerin Andrea Schweizer, dem Team von Historia, dem Eustory-Team von Tina Gotthard in Berlin und allen Sponsoren. Es ist ein ganz aufrichtiges Dankeschön!

 

Lorenz Hilfiker, 2. Oktober 2009